Sonntag, 15. Juli 2018
Gastfreundschaft + Emotionen
Die erste Nacht wäre also überstanden. Gestern sind wir in der Abildgardkirke in Friedrikshaven angekommen. Dort wurden wir von der Pastorin Gurli und den beiden Ehrenamtlichen Inge-Liese und Knut-Eric unglaublich herzlich empfangen. Sie haben ein wunderbares Abendessen mit einem noch wunderbareren Dessert vorbereitet. Danach gab es eine Andacht die mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Sie begann mit einem Zitat:
„Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, daß Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“
Søren Aabye Kierkegaard
(1813 - 1855), dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller

Ich musste ganz schön schlucken. Ich habe mich gefragt, wo bin ich? Ich bete viel. Ich bitte um Beistand, Schutz, Geduld, aber vor allem um Hilfe. Ich bin vermutlich nicht sehr andächtig, aber sehr innerlich und dringlich. Ich wünsche mir, an den Punkt zu kommen, hören zu können.
Gerade ist Hilfe das, was ich am dringendsten brauche, aber auch das, was mir am schwersten fällt einzufordern und anzunehmen. Ich arbeite jeden tag daran, das es besser wird. Ich muss mich nicht alleine um alles kümmern, ich muss nicht alleine zur Polizei gehen und aussagen, nicht alleine zu Gericht gehen. Ich habe so unglaublich tolle Menschen an meiner Seite. Ich hoffe sehr, das diese Menschen wissen wie wichtig sie für mich sind, das ich ohne sie hilflos wäre. Und wahrscheinlich einfach gar nicht mehr wäre. Suizidgedanken kommen und gehen, was mich in den schlimmsten, schwierigsten Momenten hält, ist der Gedanke das all die Arbeit, die Zeit der anderen nicht verschwendet sein soll. Das noch so viel auf mich wartet und ich noch so viel zu erleben und erlernen habe. Die Welt steht mir offen. Ich bin nicht mehr anderen Menschen ausgeliefert, stecke nicht mehr in einem kleinen Dorf fest. Ich lebe in einer großen Stadt, mit all den wilden und tollen Möglichkeiten. Und ich nutze sie. Ich gehöre in diese Welt, genau wie ich bin, denn so bin ich richtig, so bin ich gut.
Wir waren dazu eingeladen eine Kerze anzuzünden und eine Bitte an Gott zu schicken. Viele haben um Schutz für die Reise gebeten, für Gesundheit und Glück. Alles was ich sagen konnte war „Hilf mir“. Das ist, was ich brauche. Hilfe. Und ich habe sie verdient. So langsam kommt das auch in meinem Verstand an, was das annehmen der Hilfe dann und wann etwas leichter macht. Ich habe Hilfe verdient. Und Schutz, Liebe, Glück. All diese Dinge soll auch ich bekommen. Und ich bekomme sie.
Für mich war das eine sehr Intensive Andacht. Vielleicht schon fast ein bisschen viel, aber das wird wohl nicht der letze emotionale Moment auf dieser Reise werden.

Am nächsten morgen, nach einer eher unruhigen Nacht, wurden wir mit einem unglaublich leckeren Frühstück verabschiedet. Wir haben sogar noch Essen für den Weg mitbekommen. Ich war so beeindruckt von dieser unglaublichen Gastfreundschaft. Es war einfach schön. Ich hoffe ich kann nochmal an diesen Ort zurück kehren. Auf jeden fall werde ich dieses Gefühl des Willkommen und Aufgehoben sein nicht vergessen.

Jetzt gerade sind wir auf der Fähre nach Oslo. Die Überfahrt wird ungefähr 9 Stunden dauern. Also quasi ewig. Ich werde versuchen ein wenig zu schlafen.

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Samstag, 14. Juli 2018
Was gilt es zu verzeihen?
Ich bin nicht gut aufgewachsen. Meine Kindheit war durchzogen von leid, kummer und Schmerz.
Meine Mutter war alleinerziehend mit zwei Kindern, mich und meinem 10 Jahre älteren Bruder. Wir haben in einem kleinen Dorf in Süd-Deutschland gelebt, geboren bin ich jedoch in Niedersachsen. Das aufwachsen in do einem Dorf als Kind einer alleinerziehenden Mutter, die auch die Wirtin in der Dorfkneipe war, war nicht einfach. Es wurde sehr schnell verurteilt. Ich durfte nicht auf Kindergeburtstage, weil ich „die Tochter meiner Mutter“ war. Ich galt als schlechter Einfluss, als verdorbenes Kind und Bastard. Das zog sich durch meine Schulzeit. Es war einfach schrecklich. Ich hatte nichtmal die Chance mich irgendwie zu entfalten. Egal was ich gemacht habe, es war falsch. Zu besonders viel Selbstvertrauen kommt man so nicht. Dementsprechend waren auch meine Leistungen.

Als ich 12 war ging der Horror eigentlich erst richtig los. Ich wurde von dem Partner meiner Mutter missbraucht. Später dann auch von seinem Sohn. Sie wusste es, hat es erst ignoriert, dann irgendwann forciert. Sie hat sich für ihr schweigen „bezahlen“ lassen. Schmuck, Autos, Reisen. Schrecklich.
Letzten Sommer, im Zuge einer Traumatherapie habe ich Anzeige erstattet. Das war ein großer, wichtiger schritt in Richtung Heilung. Ich musste viele Aussagen bei der Polizei machen, eines der schwersten Dinge die ich je durchstehen musste. Der Haupttäter wurde Ende Februar verurteilt. Ich bin direkt danach in der Psychiatrie gelandet. Halbwegs geplant. Es war davon auszugehen dass dieses Ereignis destabilisierend auf mich wirkt. Was dann aber kam, war schlimm. Ich wollte sterben. Ich war so angefüllt mit Selbsthass, Ekel, Angst und Wut, das es nur schwer auszuhalten war. Zum Glück war ich nicht alleine. So drängende suizidgedanken wie sie da aufkamen, hatte ich lange nicht mehr. Es dauerte ein paar Wochen, aber dann normalisierte sich alles langsam wieder.
Ich ging wieder zur Uni und hatte auch so wieder etwas mehr Lebensqualität. Dann kam die info, das die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen meine Mutter aufgenommen hat. So ging alles wieder von vorne los. Aussagen bei der Polizei. Mittlerweile steht ein Gerichtstermin. Dieser wird Ende August sein.

Als ich 15 war ist es dann eskaliert. Was genau passiert ist, das mitzuteilen schaffe ich gerade noch nicht.
Es endete jedoch damit, das ich von meiner Mutter aus dem Haus geworfen wurde. Die nächsten drei Jahre habe ich auf der Straße verbracht. Mal hier, mal da. Ich war eine weile in Wien, eine weile in Nord-Spanien. Ich habe in dieser Zeit viele Drogen konsumiert und bin ganz allgemein nicht sehr gut zu mir selbst gewesen.
Dann verschlug es mich nach Hamburg. Hier hat mein Leben dann langsam Struktur angenommen. Ein festes Dach, Job, später dann eine Ausbildung, mit der ich dann auch einen Schulabschluss nachgeholt habe. Es wurde alles.

Ich versuche auf dieser Reise alte Dinge loszulassen und Kraft für neue Herausforderungen zu sammeln.

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Abfahrt!
Wir sind unterwegs. Um kurz nach 11, nach einer kleinen Andacht ging es los. Die Aufregung legt sich. Ich muss mich um nichts kümmern. Einfach da sein. Keine Verantwortung, kein Plan. Einfach mitschwimmen. Mein Wunsch ist es, ein bisschen mehr Frieden mit meiner Geschichte, meiner Vergangenheit zu finden. Einfach einen besseren Umgang. Es geht um verarbeiten, vergessen und vielleicht auch vergeben. Damit hadere ich gerade sehr. Vergeben, verzeihen, das erscheint mir nicht schaffbar. Ich will aber auch nicht den Rest meines Lebens mit so einer starken Wut leben. Das soll vorbei sein. Es kostet so viel Energie.

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Mittwoch, 11. Juli 2018
Wer? Was? Wieso?
Also, wer bin ich eigentlich?
Anna, 30 Jahre alt, aus Hamburg. Studentin der Sozialen Arbeit & Diakonie. Das zu den Eckdaten.
Ich werde vom 14. Juli bis Anfang August den Olavsweg gehen. Von Oslo nach Trondheim. Nicht alleine, sondern mit einer Gruppe, ich alleine wäre viel zu feige für so eine Strecke. Ich wollte schon immer mal Pilgern, aber Spanien kam für mich nicht in frage. Durch einen Kreativen Leistungsnachweis fürs Studium bin ich auf die Pilgerkapelle in Jacobi-Kirche gestoßen, welche diese "Reise" anbietet. Betreutes pilgern quasi.
Wieso ich das mache? Weil ich ein paar eher harte Jahre hatte. die letzten 2,5 Jahre waren von physischen und psychischen Dramen geprägt. Ich bin krank. Es steht mir nicht unbedingt auf der Stirn, aber trotzdem ist es nicht weniger schlimm.
Ich habe eine komplexe Post-Traumatische-Belsatungsstörung, diese bringt viele kleine Freunde mit, wie eine Persönlichkeitsstörung, Depressionen, Angst- und Panikstörungen und was man sich sonst noch so ausdenken kann.... Alles nicht so toll und lebensbejahend, aber trotzdem geht es mir eigentlich gut. Ich ruhe mich nicht auf den Diagnosen aus oder so. Aber sie sind nunmal da, da kann man nicht dran rütteln. Ich mache aber das beste draus. Was sollte ich auch anderes machen? Aufgeben ist keine Option.
Gerade die letzten 6 Monate waren der Horror. Dazu an anderer stelle vielleicht mehr.
Ich mache diese Reise, weil ich etwas für mich brauche. Etwas, das mir halt gibt, Hoffnung, und das mich mit dingen abschließen lässt.
Ein Geschenk von mir an mich, dafür, das ich durchgehalten habe ohne vollends durchzudrehen.
Das soll für den Anfang reichen. Übrigens bin ich Legasthenikerin, Rechtschreibung ist bei mir also eher nicht so nen großes Thema. Wen das stört, der möge es überlesen.

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